• Home
  • The Idea
  • Liu Xiabo March 2012 Worldwide Reading
  • Liu Xiabo März 2012 Weltweite Lesung
  • Appeal Liu Xiaobo 2011
    • Signatories
    • Aufruf Liu Xiaobo 2011
      • Unterzeichner
        • Herta Müller zu Liu Xiaobo
        • 9/11 – Ten Years On
        • 9/11 - Zehn Jahre später
        • International Women’s Day 2011
        • Peace Day Event 2010
          • The Authors
            • Reading Schedule
            • News Blog
            • Contact
            Picture


            Herta Müller

            Wenn der zweite Schuh herunterfällt


            Die Köpfe von Freiheitsbewegungen bezeichnet man später als Freiheitskämpfer. Und diese Freiheitskämpfer kann man, glaube ich, in zwei Grundtypen einteilen: den Typus des Selbstüberschätzers und den Typus des Selbstzweiflers. Gewöhnlich schließt eines das andere aus. Bei Liu Xiaobo aber haben wir beides in einer Person. Und das macht ihn so wahrhaftig.

            SELBSTÜBERSCHÄTZUNG war 1989 nötig, solang die Dynamik der Revolte auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Gang war. Mut bis hin zum Todesmut aus Lebenshunger war nötig, um den Hungerstreik auszuhalten, nötig um die Verhandlungen mit dem Militär zu führen und nach deren Scheitern eine Zweistundenfrist herauszuschinden, damit Tausende abziehen können, bevor die Panzer in die Menge schießen. Halsbrecherische Geduld, um ein Blutbad zu verhindern. Denn das Blutbad war beschlossene Sache des Regimes. Wir wissen, es hat sich immer wieder gezeigt, Massenmord gehört zum Parteiprogramm, wenn die Masse eine Diktatur ins Wanken bringt. Und es wurde geschossen. Nicht auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Das Massaker fand in den Nebenstraßen rundum statt, nicht auf dem Platz. Ein Fiasko – das lag nicht an den Demonstranten, sondern an der Rücksichtslosigkeit der Kommunistischen Partei Chinas, um ihre Alleinherrschaft auf Biegen und Brechen zu erhalten. Es ging hier ums Brechen.

            Nach dem großen Fiasko, mit der Ruhe nach dem Tumult, kamen Liu Xiaobo die SELBSTZWEIFEL. Das Alleinsein im eigenen Schädel kam. Ich versuche, es mir vorzustellen: Xiaobo so einsam und beklommen, als gehe er barfuß durch die eigene Stirn tausende Male von einer Schläfe zur anderen. Einer wie er, mit seiner stringenten Intellektualität, kann ohne Schuldgefühle diese Katastrophe nicht analysieren. Auf dem Platz mußte er so werden, wie er gesehen wurde: eine Vergrößerung fand statt, eins zu tausend könnte man sagen. Er mußte dem Helden genügen, der von ihm erwartet wurde und der war. Und das Fiasko danach trieb ihn zurück, eins zu eins könnte man sagen, in die Trauerarbeit. Das machen nicht alle „Helden“. Aber Xiaobo.

            Er hat seine Selbstzweifel schonungslos öffentlich geäußert. Sich dem Schuldgefühl zu stellen ist eine Falle. Denn es gibt viele, die sie aufgreifen, sogar in der Ferne des Exils. Ich habe den Vorschlag Vaclav Havels, Xiaobo für den Friedensnobelpreis zu benennen, unterstützt und daraufhin schlimme E-Mails bekommen von Exilchinesen. Verleumdungen, Denunziation, hemmungsloser Rufmord an Xiaobo waren die Inhalte. Vielleicht ist die Emigration infiltriert vom chinesischen Geheimdienst, vielleicht ist es aber auch der eigene Irrsinn von verstörten Emigranten, die im fernen Exil Revolution auf dem Papier betreiben, mit Worten infam randalieren, während andere zu Hause Fehler machen mußten, weil sie handelten und bis heute im Dreinfinden herumirren müssen.

            Liu Xiaobo lebte immer im Zickzack von kollektivem Freiheitsdrang und akutem Alleinsein. Er fand nach allen Niederlagen zu sich und den riskanten Kriterien zurück. Ein langer Mut und eine lange Angst sitzen in seinem Kopf zusammen. Er verließ New York, als die Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens begannen. Er bezahlte mit Gefängnis, er bezahlte mit 3 Jahren Umerziehungslager. Dort mußte er Tag für Tag Bohnen nach Farben sortieren. Zuerst draußen, dann in einem schummrigen feuchten Raum. Warum? Das Regime hoffte, dass sich durchs Bohnensortieren sein Augenlicht für alle Zeiten trübt. Daß seine Sehkraft so stark leidet, dass er nie wieder lesen und schreiben – also intellektuell arbeiten kann. Und man schickte den alten, zitternden Vater zu Xiaobo ins Lager, um ihn mürb zu machen. Der Vater überredete seinen Sohn zum Einlenken – und Xiaobo gab nach: er gab das abgepreßte Geständnis, dass auf dem Platz des Himmlischen Friedens kein Massaker stattgefunden hat. Es war so, es war die halbe Wahrheit, also auch halbe Lüge. Denn das Massaker war in den Nebenstraßen. Xiaobo kam durch das Geständnis aus dem Lager frei. Aber politische Erpressung mißbraucht jede Äußerung. Das ist von Anfang an ihr Ziel. Die Korrektur der halben Lüge fraß die ganze Wahrheit.

            Das hat Xiaobo sich nie verziehen. Was für ein Bild: ein Imperium und Bohnensortieren. Bohnen und Panzer, Bohnen und Partei, Bohnen und Bonzen. Bohnen als Mißbrauch des Menschen. Aber vielleicht war das Bohnensortieren nicht nur eine Millimetersache der Augen und Finger, sondern auch eine Millimetersache für den Verstand. Denn Xiaobo fand wieder mal zu sich zurück. Er arbeitete an der Charta 08. Dafür bekam er 11 Jahre Gefängnis. Die Charta hatte 303 Unterschriften, als er verhaftet wurde. Und zuletzt hatte sie 10 000.

            11 Jahre – das Regime behandelt Xiaobo schäbiger als andere. Warum? Nach Gefängnis, Umerziehung, Geständnis sieht es in der Charta 08 eine Rache Xiaobos. Es weiß, dass seine humane Substanz noch immer nicht zerstört ist. Die Macht sieht sich gedemütigt. Sie steht armselig da, auch wenn sie das nicht zugibt. Sie behandelt Xiaobo so schäbig, wie sie vor sich selber dasteht. Daher ist das Strafmaß so maßlos.

            Liu Xiaobo ist der Beweis, dass Moral ganz leise und ganz stur funktioniert, dass sie privat quälend und öffentlich insistierend bleibt. Daß Moral lange vor dem öffentlichen Auftritt beginnt und lange danach nicht aufhört, weil sie in den Details steckt. Eugen Ionesco hat einmal gesagt: „Man lässt uns nicht leben, also leben wir im Detail.“

            Liu Xiaobos Frau, Liu Xia, hat in Bezug auf die 11 Jahre Gefängnis gesagt: „Ich hatte seit Jahren ständig damit gerechnet, dass der zweite Schuh herunterfällt. Jetzt ist es eingetroffen, jetzt muß ich nicht mehr warten.“ So zitiert sie Bei Ling in der Biographie Liu Xiabos “Der Freiheit geopfert“ ( S. 302)

            Ja, wenn der zweite Schuh herunterfällt, ein Bild, in dem gleich viel Gefaßtheit und Schmerz steckt. Wenn der zweite Schuh herunterfällt, dann ist man barfuß. Soll Liu Xiaobo 11 Jahre eingesperrt bleiben und barfuß durch seine eigene Stirn von einer Schläfe zu anderen gehen? Wir fordern seine sofortige Freilassung. Vor Gericht gehören die, die ihn einsperren. Sie haben Blut an den Händen.

            Liu Xiaobo ist auf unsere Unterstützung angewiesen.

            Aber nicht nur er. Die Nervosität des Regimes wird größer und immer mehr Unterstützer der Charta 08 verschwinden im Gefängnis.

            20. März 2011

            © Herta Müller

            Achtung: Copyright

            Dem Abdruck stimmt Herta Müller nur zu, wenn keine Kürzungen oder Veränderungen am Text vorgenommen werden.













































            Create a free website with Weebly